Der soeben erschienene Academic Freedom Index (AFI) 2026, herausgegeben von der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg und dem V-Dem-Institut, dokumentiert einen anhaltenden globalen Rückgang akademischer Freiheit. Besonders alarmierend ist der steile Abfall der institutionellen Autonomie in den Vereinigten Staaten – einem Land, das noch vor wenigen Jahren als Referenzpunkt für gut geschützte Hochschulautonomie galt.
Methodik und Datenbasis
Der AFI misst akademische Freiheit de facto – also die tatsächliche Schutzwirkung, nicht nur den rechtlichen Rahmen – auf einer Skala von 0 bis 1 in fünf Dimensionen: Lehr- und Forschungsfreiheit, Freiheit des wissenschaftlichen Austauschs, Freiheit des akademischen und kulturellen Ausdrucks, institutionelle Autonomie sowie Campus-Integrität. Die Datenbasis umfasst die Einschätzungen von 2.357 Länderexpert:innen weltweit und über eine Million Datenpunkte.
Globaler Befund: Rückschritte überwiegen deutlich
Im Zeitraum 2015 bis 2025 verzeichneten 50 Länder einen substantiellen und statistisch signifikanten Rückgang der akademischen Freiheit; lediglich neun Länder konnten demgegenüber Verbesserungen im selben Zeitraum vorweisen. Besonders betroffen sind die Lehr- und Forschungsfreiheit sowie die Campus-Integrität (je 51 Länder mit signifikantem Rückgang). Die institutionelle Autonomie erweist sich im Vergleich als etwas stabiler – gleichwohl verzeichneten auch hier 43 Länder substantielle Verschlechterungen.
Der globale Rückgang begann laut AFI-Daten etwa 2012, zunächst getrieben von Entwicklungen in Lateinamerika, Asien und der MENA-Region („Middle East and Northern Africa“); in den Folgejahren zeigen sich auch Rückgänge in Westeuropa und Nordamerika.
Institutionelle Autonomie als Schlüsselindikator
Der diesjährige Bericht legt einen besonderen Schwerpunkt auf die institutionelle Autonomie der Hochschulen. Darunter ist – in Anlehnung an die UNESCO-Empfehlung von 1997 – jenes Maß an Selbstverwaltung zu verstehen, das Hochschulen benötigen, um ihre akademischen Kernfunktionen ohne unzulässige Einflussnahme staatlicher oder sonstiger externer Akteure wahrzunehmen.
Die empirischen Daten belegen einen sehr starken positiven Zusammenhang zwischen institutioneller Autonomie und der Freiheit zu Forschung und Lehre (Pearson-Korrelation: 0,91). Dies stützt die in der Literatur (vgl. etwa Lyer/Saliba/Spannagel, University Autonomy Decline, Routledge 2023) vertretene These, wonach institutionelle Autonomie eine notwendige Voraussetzung für den effektiven Schutz individueller akademischer Freiheiten ist – und nicht etwa deren Gefährdung durch vermeintliche „liberale Hegemonie“ an Universitäten.
Der Fall USA: steiler und rasanter Abfall
Besonders hervor sticht die Entwicklung in den Vereinigten Staaten. Der AFI-Wert für institutionelle Autonomie sank von 3,3 (2019) auf 1,7 (2025) – ein Rückgang von rund 50 % innerhalb von sechs Jahren. Damit liegt die USA mittlerweile im Bereich „moderater Autonomie“ und hat ihren früheren Vorsprung gegenüber dem Länderdurchschnitt in Westeuropa und Nordamerika vollständig verloren.
Im Vergleich mit anderen Ländern, die in jüngerer Zeit markante Demokratisierungsrückschritte erlebt haben (Ungarn, Indien, Türkei), fällt der US-amerikanische Rückgang durch seine außergewöhnliche Geschwindigkeit auf: Was in Ungarn und der Türkei über 15 Jahre hinweg geschah, vollzog sich in den USA in einem Bruchteil der Zeit. Ausgelöst wurde die Entwicklung durch Maßnahmen einzelner Bundesstaaten ab 2020; seit Beginn der zweiten Amtszeit der Trump-Administration intensivierte sich der Druck durch bundesrechtliche Eingriffe erheblich: darunter Einfrierungen von Forschungsförderung, Versuche der Politisierung der Akkreditierung sowie Governance-Vorgaben als Bedingung für Bundesmittel.
Der Bericht verweist zugleich auf Gegenkräfte: US-amerikanische Gerichte haben mehrere Eingriffe als rechtswidrig verworfen, darunter den Versuch der National Institutes of Health, Overhead-Erstattungen zu deckeln. Akademische Institutionen und Zivilgesellschaft leisten aktiv Widerstand. Die Forschung zeigt überdies eine bemerkenswerte Resilienz akademischer Freiheit selbst in Phasen demokratischen Rückschritts (Lott/Kinzelbach/Lindberg, International Political Science Review 2025).
Westliche Demokratien – und Österreich
Auffällig ist, dass sich die Rückgänge in institutioneller Autonomie nicht auf autoritäre Regime beschränken, sondern gerade auch etablierte westliche Demokratien betreffen. Zu den Ländern mit signifikantem Rückgang zählen u.a. die Schweiz, die Niederlande, Polen, Portugal und Kanada sowie auch Österreich. Letzteres reiht sich damit in eine Gruppe von Ländern ein, in denen die institutionelle Hochschulautonomie trotz formal starker rechtlicher Absicherung (u.a. Art 17 und 17a StGG, Art 81c B-VG sowie der einschlägigen Judikatur des VfGH zur Weisungsfreiheit universitärer Organe) unter faktischen Druck geraten ist.
Der vollständige Bericht mit allen Länderdaten ist frei zugänglich unter academic-freedom-index.net.
